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Elektronische Patientenakten: Ein Plädoyer für klare Vorgaben

| Miriam Mirza | Aus der Branche

Digitale Akte

Seit Jahren machen sich Experten Gedanken darüber, wie elektronische Patientenakten (EPA) fester Bestandteil der medizinischen Versorgung in Deutschland werden können. Bedeutet doch die Implementierung einer nationalen einrichtungsübergreifenden EPA-Infrastruktur (eEPA-Infrastruktur) einen hochkomplexen Prozess mit verschiedensten Handlungsfeldern und diversen zu klärenden Fragestellungen auf unterschiedlichen Ebenen.

Die Bertelsmann Stiftung hat kürzlich eine Analyse vorgelegt, in der Prof. Peter Haas, Medizininformatiker an der Fachhochschule Dortmund, zu dem Schluss kommt, dass die flächendeckende Einführung von EPAs eine langfristige politische Strategie sowie effektive Steuerung benötigt.

Forderung nach Gründung eines eigenen Bundesinstituts

Haas betont in dem 288 Seiten starken Dokument die Notwendigkeit, dass eEPA-Systeme darauf ausgelegt werden, den Patienten dabei zu helfen, die Souveränität über ihre Daten zu erlangen und zu erhalten. In der Analyse beschreibt der Medizintechniker nicht nur die technologischen, organisatorischen und rechtlichen Voraussetzungen, sondern gibt auch konkrete Hinweise für die Implementierung einer eEPA-Infrastruktur.

Dazu sei eine effektive Governance-Struktur notwendig, so Haas in seinem Plädoyer für die Schaffung eines eigenen Bundesinstituts unter Fachaufsicht des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Diesem Institut sollte ein politisch besetztes, strategisches Board in beratender Funktion an die Seite gestellt werden. Darüber hinaus sollten in dem Institut verschiedene Interessensvertreter, etwa Experten-, Patienten- oder Ärztegruppen, als Berater zu Wort kommen.

Eigenes Kapitel im Sozialgesetzbuch (SGB)

Um den rechtlichen Rahmen für die Implementierung einer flächendeckenden, nationalen eEPA-Infrastruktur festzulegen, befürwortet Haas die Aufnahme eines eigenständigen eHealth-Kapitels in das SGB V. Der Gesetzestext könnte dann die Neuregelungen zum Einsatz der eEPA sowie die zahlreichen weiteren Regelungen rund um den Themenkomplex eHealth zusammenfassen.

Auch was die Finanzierung angeht, fordert der Experte detaillierte Planungen, zum Beispiel für notwendige personelle und sächliche Infrastrukturen, Erstattungsregelungen für Leistungserbringer und Entscheidungen zu den Finanzierungsquellen.

Standards definieren

Keine Implementierung ohne Standards, das ist für den Experten sicher. Dazu gehören auch spezialisierte Organisationsstrukturen, die beispielsweise Interoperabilitätsstandards festlegen und weiterentwickeln. Darüber hinaus muss die Möglichkeit zur Überwachung der Umsetzung geschaffen werden. Zudem brauche es – im Rahmen einer wettbewerblichen Umsetzung – Festlegungen zu Betreibermodellen und zu Rahmenbedingungen für den Betrieb von eEPA-Systemen, so Haas in seiner Analyse.

Technische Infrastruktur schaffen und Kontextanwendungen bearbeiten

Der Forscher erklärt, dass für den Betrieb von eEPA-Systemen eine nationale Infrastruktur notwendig ist. Prinzipiell gibt es eine solche Struktur schon, nämlich die Telematikinfrastruktur. Haas macht aber darauf aufmerksam, dass diese noch diverse Anpassungen an die Anforderungen von eEPA-Systemen benötigt. Ein paar Dinge müssen jedoch auch ganz neu entwickelt werden: zum Beispiel ein Terminologieserver für die Semantik oder ein elektronisches Verzeichnis der Institutionen und Heilberufler.

Implementierung in Form eines Stufenplans vorsehen

Die Implementierung eines so komplexen Systems wie eine bundesweite eEPA-Infrastruktur nimmt viel Zeit in Anspruch und kann nicht über Nacht erfolgen. Darum spricht sich Haas für eine schrittweise Einführung nach dem Prinzip „Einfaches und Allgemeines zuerst, Differenzierungen später sukzessiv“ aus, an deren Ende umfassende Behandlungsmanagement-Plattformen stehen.

Über den Autor

Miriam Mirza

Die Journalistin Miriam Mirza hat Germanistik und Anglistik studiert und arbeitet als Fachredakteurin für das Magazin E-HEALTH-COM.

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