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Blockchain für das Gesundheitswesen - Hype oder Heilsbringer?

| Marabu-Redaktionsteam | Aus der Branche

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Der Begriff Blockchain geistert schon etwas länger durch die vernetzte Welt. Doch bisher assoziierte man damit meist nur die Kryptowährung Bitcoin. Mittlerweile häufen sich Meldungen, die die Versatilität der Technologie für ganz unterschiedliche Branchen hervorheben, zum Beispiel für die Logistik, die Automobil- oder die Energiebranche. Ebenfalls im Kreis der potentiellen Blockchain-Profiteure: Das Gesundheitswesen. So beschreibt es wenigstens ein im Dunstkreis der US-amerikanischen Tech-Kaderschmiede MIT (Massachusetts Institute of Technology) erschienenes Paper.

Im Gesundheitswesen hakt und holpert es ja insbesondere dann, wenn es um Themen wie intersektoralen Datenaustausch oder Interoperabilität geht. Blockchain sei gerade dafür die ideale Lösung – aber wieso eigentlich? Obwohl in aller Munde bleibt das Konzept nämlich bewundernswert abstrakt. Ergo: Jeder redet davon, aber keiner weiß genau, was es eigentlich ist.

Kein Vertrauen notwendig

Zumindest eine Sache lässt sich relativ schnell herausfinden: Eine Blockchain ist eine dezentrale Datenbank, an der sich jeder Computer beteiligen kann, der über die notwendige Software verfügt. Die dezentrale Organisation von Daten allein ist allerdings nichts wirklich bahnbrechend Neues, es muss noch mehr dahinterstecken. Die revolutionäre Anmutung ergibt sich dann auch eher aus den sich eröffnenden Möglichkeiten: Die Blockchain-Technologie erlaubt Peer-to-Peer-Transaktionen ohne zentrale Vertrauensinstanzen – wie zum Beispiel Banken in der Sphäre des Geldes oder im Bereich der Beglaubigung ein Notar.

Durch diese Intermediäre wird Interaktion erst ermöglicht, da man ihnen vertraut und die anderen Akteure nicht kennt. Nähme man die zentrale Instanz aus dem Spiel, wäre das System nicht mehr handlungsfähig. Dieser Punkt lässt sich am Beispiel des Geldverkehrs gut illustrieren: Ohne eine Bank als Vermittler könnten die einzelnen Kontoinhaber untereinander keine Transaktionen mehr abwickeln. In einer Blockchain braucht es weder einen Vermittler noch wird Vertrauen zwischen den einzelnen Akteuren vorausgesetzt, es wird durch den Konsens des Netzwerks ersetzt. Ohne die Intermediäre lässt es sich schneller, direkter und ausfallsicherer agieren als in einem zentralisierten System.

In der Blockchain werden Transaktionsinformationen, sogenannte Blocks, linear hintereinander abgespeichert und auf alle angeschlossenen Rechner kopiert, wobei jeder Block auch Informationen – Hashs – aus dem vorhergehenden Block enthält. Durch das Zusammenspiel von chronologisch linearer Speicherung und der redundanten Verteilung der Daten sind Blockchains weitestgehend manipulationssicher – zumindest vom heutigen Stand der Technik aus betrachtet. Ist ein Block erst einmal in der Kette gespeichert, kann er de facto weder verändert noch gelöscht werden, da dies auf allen beteiligten Computern und in allen nachfolgenden Blocks geschehen müsste. Die Echtheit einer Transaktion wird nicht mehr von einer zentralen Instanz bestätigt, sondern mittels Konsens der im Netzwerk zusammengeschlossenen Rechner. Proof-of-Work-Algorithmen sorgen dafür, dass dieser Vorgang nicht korrumpiert werden kann. Insgesamt erfordert die Verifikation von Transaktionen eine hohe Rechenleistung, die von den Nutzern des Netzwerks zur Verfügung gestellt wird. Dafür erhalten sie Gratifikationen, im Falle von Bitcoin etwa kleine Einheiten des digitalen Geldes. Analog zur Goldgräberei wird dieser Prozess als Mining, die dahinterstehenden Betreiber als Miner bezeichnet.

Disruption - jetzt oder später?

Letztlich offenbart sich an dieser Stelle das disruptive Potential der Technologie, das ganze Wirtschaftszweige gründlich durchrütteln könnte – was uns wieder zurück zum Gesundheitswesen bringt. Für Krankenhäuser und andere Branchenakteure werden – wie eingangs kurz angesprochen – sichere Plattformen immer wichtiger; und zwar nicht nur, um die Daten in irgendeinem Silo für bestimmte Zeiträume aufzubewahren, sondern um sie zu teilen, verfügbar und nutzbar zu machen. Die Blockchain-Technologie bietet prinzipiell gute Voraussetzungen, um mit den sensiblen Daten umzugehen, die in der Branche generiert werden. Allerdings stecken die Überlegungen zu möglichen Einsatzszenarien für Blockchains im Healthcare-Bereich bestenfalls in den Kinderschuhen.

Ein Beispiel aus den USA weist zumindest eine Richtung, in die es gehen könnte: Forscher am MIT Media Lab haben einen auf der Blockchain-Technologie Ethereum basierenden Prototypen namens MedRec entwickelt. Im Unterschied zu Bitcoin ist Ethereum keine reine Kryptowährung, sondern eine Plattform für Distributed Apps, die mit sogenannten Smart Contracts arbeiten. Das sind Computerprotokolle, die es ermöglichen, Verträge rein digital und rechtssicher abzubilden. Neben klassischen Verträgen sind etwa elektronische Wahlen oder Identity Management mögliche Einsatzszenarien für Smart Contracts. Im Falle von MedRec werden Patientenakten in der Blockchain geführt und mit Metadaten versehen, etwa über den Eigentümer der Akte oder Berechtigungen. Bei Arztbesuchen oder Klinikaufenthalten würden „Pointer“ in der Blockchain abgelegt und wären dann überall und sofort für alle Berechtigten verfügbar. Auch in Bezug auf das Mining – für Blockchain-Angebote ohne Währungscharakter immer ein wunder Punkt – haben die Forscher ein Konzept entwickelt: Statt monetärer Anreize erhalten die zur Verifikation der Transaktionen erforderlichen Miner Zugang zu aggregierten und anonymisierten medizinischen Daten, die zum Beispiel für Studien genutzt werden können. 

Es passiert also etwas und einiges spricht dafür, die neue Technologie im Auge zu behalten. Marktreife IT-Lösungen sind für das Gesundheitswesen allerdings noch nicht in Sichtweite. Viele Dinge sind nach wie vor offen - nicht nur auf  technischer Ebene. Und natürlich stellt sich immer auch die Frage: Was passiert mit den Altdaten aus den abzulösenden Systemen? Wie stelle ich sicher, dass diese lesbar bleiben? Und letzten Endes: Rechnet sich das? Stehen Aufwand und Nutzen in Relation? Wir sind gespannt!

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Das Marabu-Redaktionsteam besteht aus Mitarbeitern verschiedener Fachabteilungen, die ihren Erfahrungsschatz sowie interessante News und Links zu Branchenthemen abwechselnd in unserem Magazin veröffentlichen.

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